Standortbestimmung

„Unsere Brücke – Biberach“ eine Standortbestimmung 20. 8. 2017

Die Nachwirkungen dieser Gesundheitsreform mit Einführung der Fallpauschale
(DRG’S) haben die Zahl und Struktur der Krankenhäuser auch in Baden-
Württemberg, vor allem im ländlichen Raum nachhaltig verändert.

Dieser Prozess wird noch weitergehen. Die Liegezeit ist in den Akutkliniken auf ein
zuvor nicht für möglich gehaltenes Niveau reduziert worden. Im operativen Bereich
werden die kurzen Liegezeiten durch AHB-Kliniken abgemildert, so dass sich die
Probleme oftmals erst zeitverzögert bemerkbar machen.

Vor allem im ländlichen Raum macht sich auch der Mangel an Hausärzten immer
stärker bemerkbar.

Bei allen diesen Veränderungen sind die Patienten die Leidtragenden. Sie sind
oftmals nicht mehr ausreichend versorgt. Gerade bei älteren Patienten hat sich
gezeigt, dass oftmals Wochen vergehen, bis der Status quo ante nach einer
schweren Erkrankung wieder erreicht wird – wenn überhaupt.

Wir haben uns 2003 überlegt, wie wir die Folgen der Gesundheitsreform für die
Patienten etwas abmildern können und haben um das Krankenhaus in
Ochsenhausen zur poststationären Nachbetreuung „Unsere Brücke“ gegründet.

Nach der überraschenden Schließung des Krankenhauses in Ochsenhausen und
Übernahme der verbliebenen Krankenhäuser durch die Sana wurde eine
Neugründung „Unserer Brücke“ in Biberach notwendig. Zuvor wurde versucht in
monatelangen Diskussionen die Brücke in Ochsenhausen (wie jeder Außenstehende
erwarten würde) nach Biberach zu verlegen. Alle Versuche in mehreren
Mitgliederversammlungen scheiterten, da die Mitglieder nicht wollten, dass die
reichlichen Spenden aus dem Ochsenhausener Raum den Biberacher zu Gute
kommen!

Mit Hilfe einer großzügigen Anschubfinanzierung durch die Kreissparkasse, der
Bruno-Frey Stiftung sowie der Bürgerstiftung in Biberach gelange der Start in
Biberach problemlos.

Da wir uns mit unseren Leistungen nicht eindeutig im Bereich SGB V oder SGB XI
ansiedeln können, sondern dies eine Unterstützungsleistung ist, welche in dieser
Form so noch nicht vorliegt, haben wir uns mit unserer Idee für den Innovationspreis
Pflege 2014 des Landes Baden-Württemberg beworben.

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Über 3 Jahre haben wir vom Sozialministerium Baden-Württemberg einen
großzügigen Geldbetrag zur Verfügung gestellt bekommen, mit dem wir Patienten
ohne finanziellen Druck betreuen konnten und Strukturen auch in den Sanakliniken
Riedlingen und Laupheim aufbauen konnten. Die Förderung durch das Land Baden-Württemberg wird im November 2017 beendet sein.
Wir fallen dann in ein Finanzierungsloch und sind dringend auf Spenden
angewiesen.

Die Förderung durch das Land Baden-Württemberg war an die Bedingung einer
wissenschaftlichen Auswertung geknüpft. Diese Auswertung wird durch die
Universität in Vallendar durch den Lehrstuhl von Prof. Brandenburg durchgeführt. In
Vallendar befindet sich neben der Charité in Berlin die einzige
pflegewissenschaftliche Fakultät einer deutschen Universität.

Im Folgenden soll der Ablauf der poststationären Patientenversorgung durch den
Förderverein „Unsere Brücke“ kurz darstellt werden.

Die Patienten erhalten mit den Aufnahmepapieren auch einen Flyer „Unsere
Brücke“. Seit gut 2 Jahren wird am Ende der stationären Behandlung, entsprechend
der gesetzlichen Vorgaben, ein Entlassmanagement mit Pflegefachkräften, Sozial-
arbeiter/innen und wenn notwendig den Stationsärzten durchgeführt. Dabei wird
besprochen, ob der Patient noch Hilfen bzw. eine Nachbetreuung bedarf.

Operierte Patienten werden nach kürzest möglicher Zeit einer Anschlußheil-
behandlung (AHB) zugeführt. Bei den restlichen Patienten wird entschieden, ob eine
Nachbetreuung durch „unsere Brücke“ notwendig oder sinnvoll ist.

Die Pflegekraft, welche im Rahmen des stationären Aufenthaltes den Patienten kennt
bzw. zuständig ist, nimmt Kontakt auf mit der Koordinatorin für den Verein „Unsere
Brücke“. Diese vermittelt dann, je nach Wohnort des Patienten, eine Kollegin des
„Brücke-Teams“, welche den Patienten zu Hause betreuen wird. Wichtig dabei ist,
dass es nicht darum geht, den Patienten zu Hause zu pflegen, sondern darum, die
Genesung zu verfolgen, zu beraten und ggf. Maßnahmen zu veranlassen.

Oft ist es auch einfach nur gut, wenn noch jemand „nach dem Rechten sieht“. Bevor
der Patient dann entlassen wird, besucht ihn die Pflegekraft, die dann auch nach
Hause kommt, stellt sich vor und nimmt auch – mit Einverständnis des Patienten –
Kontakt mit dem Hausarzt auf, der weiterhin für den Patienten zuständig ist. Alle
Entscheidungen werden mit ihm besprochen.

Nach der Entlassung wird der Patient 2 – 4 Wochen insgesamt 3 – 4x besucht. Sollte
danach die Versorgung problemlos funktionieren, schließt die Pflegekraft den Fall ab.
Bei Problemen kann die Fachkraft Entscheidungen zu weiteren Maßnahmen
unterstützen (z.B. Wiedereinweisung durch den Hausarzt oder Zuzug einer
ambulanten Pflege oder eine längere Betreuung).

Der Zeitraum der Betreuung ist bewusst gewählt. Einer amerikanischen Studie
zufolge wird jeder fünfte Patient, der nach einem Krankenhausaufenthalt
entlassen wird, innerhalb eines Monats erneut eingewiesen – meist mit einer ganz anderen Diagnose.

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Möglicherweise ist Ihnen das auch schon einmal aufgefallen: Ein in der Regel älterer
Kunde war im Krankenhaus, beispielsweise wegen einer Herzerkrankung, und muss
kurze Zeit später wieder stationär behandelt werden – diesmal wegen einer Infektion,
einer Lungenentzündung, eines Knochenbruchs oder psychischen Problemen. Der
Kardiologe Dr. Harlan Krumholz von der Yale Univerity School of Medicine in New
Haven, USA hat dieses als „Post-Hospital-Syndrom“ bezeichnete Phänomen
anhand von 2,6 Millionen Patientendaten untersucht.
Es sind vor allem Senioren betroffen. Wer gerade die Klinik verlässt, befindet sich
noch in der Phase der Rekonvaleszenz und besitzt noch nicht wieder seine volle
Widerstandskraft. So ein Krankenhausaufenthalt bedeutet außerdem jede Menge
Stress für Körper und Psyche. Man schläft nicht besonders gut, weil man in einem
fremden Bett liegt und das Zimmer eventuell mit mehreren Personen teilen muss.

Der Förderverein „Unsere Brücke“ in Biberach hat zum 1.Oktober 2013 seine
Tätigkeit aufgenommen. Er hilft Patienten nach der Entlassung aus den Sana-
Kliniken im Kreis Biberach bei der Koordination ihrer häuslichen und medizinischen
Probleme.

Ca. 10-12 engagierte Pflegefachkräfte, meist aus dem Sanaklinikum in Biberach,
arbeiten in „Unsere Brücke“ mit. Sie kennen meistens die Patienten von ihrer
stationären Tätigkeit. Sie können daher eine Verschlechterung des Zustandes des
Patienten, wenn er sich wieder zuhause befindet, sofort erkennen und die
notwendigen Schritte unternehmen. Die Betreuung erfolgt zusammen mit dem
Hausarzt.

Die Diagnosen der Patienten umfassen das ganze Spektrum der inneren Medizin
sowie die Genesungsphase nach operativen Eingriffen.

Es sind aus dem Gebiet der inneren Medizin vor allem folgende Krankheiten: COPD
und andere chronische Lungenerkrankungen, eine Herzinsuffizienz oder koronare
Herzerkrankung, Patienten mit diabetischen Folgeerkrankungen, Patienten mit
chronisch entzündlichen Darmerkrankungen sowie akute und chronische
Erkrankungen aus dem rheumatischen Formenkreis, die von „Unsere Brücke“
betreut werden.

Es geht auch um Patienten mit vaskulären Erkrankungen wie arteriellen
Durchblutungsstörungen und cerebralem Insult, die unter Umständen nach
vorangegangener AHB in der Geriatrischen Reha Klinik weiter betreut werden
müssen, um ihnen ein Leben daheim zu ermöglichen.

„Unsere Brücke“ ähnelt der Tätigkeit von home care Einrichtungen bei onkologischen
Patienten, wird aber von den Krankenkassen nicht unterstützt. Es wurden deswegen
mehrere Gespräche mit der Direktion der AOK Ulm-Biberach geführt, die jedoch ohne
Erfolg waren.

„Unsere Brücke“ soll in gar keinem Fall in Konkurrenz zur ambulanten Pflege
stehen, weil von uns keine Pflege, sondern Beratung und Unterstützung geleistet
wird. In den Fällen, in denen eine Pflegefachleistung (Maßnahmen der Grundpflege
nach SGB XI) zu erbringen ist durch einen ambulanten Pflegedienst, entfällt eine
Betreuung durch “Unsere Brücke”.
Wie ist die Tätigkeit „unserer Brücke“ einzuordnen und wer profitiert davon?

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Zusammengefasst ergeben sich folgende Vorteile:
Für die
Klinik:

– Kosten sparen durch rechtzeitige Entlassung
– zufriedene Patienten – kommen wieder – Ruf in der Öffentlichkeit
– verbesserte Zusammenarbeit Klinikärzte – Hausärzte
– Pflege als Koordinationsstellen und inhaltliche Weiterentwicklung von Behandlungs- qualität
(Expertise)

Für die Mitarbeiter (Pflegekräfte):

– Motivation durch spannendes Aufgabenfeld
– Begleitung des Patienten über die Klinikgrenzen hinaus.

Für die Kostenträger:

Nutznießer sind aber auch die Krankenkassen, welche durch die fachkundige Nachbetreuung
erhebliche Finanzmittel (Wiedereinweisung) einsparen können.

Für die Patienten:

Am meisten aber profitiert der Patient, dem Gelegenheit gegeben wird, unter Kontrolle
erfahrener Pflegefachkräfte sich wieder zuhause zurecht zu finden. Dass sich dem Patienten
bereits bekannte Schwestern, die vor allem mit seiner Erkrankung vertraut sind, um ihn
kümmern, ist ein einmaliger Vorzug.

Es ist vor allem gesichert, dass eine erneute Verschlechterung rechtzeitig erkannt und in
Zusammenarbeit mit dem Hausarzt rechtzeitig therapiert und eventuell eine erneute
Krankenhauseinweisung vermieden wird.

Die Patienten profitieren von der Menschlichkeit und Sicherheit durch Kontinuität der
Bezugsperson nach der Entlassung. In früheren Jahren war auch eine soziale Komponente für die Dauer eines stationären Aufenthalt maßgebend. Seit der Abrechnung nach Fallpauschalen (DRG’s), sollte der Patient möglichst nach Erreichen der Mindestverweildauer entlassen werden. Die frühzeitige Entlassung birgt grundsätzlich die Gefahr einer vorzeitigen Wiedereinweisung (Drehtüreffekt),
Die Leistungen der Brücke-FK sind für die Patienten kostenlos. Der Verein ist daher auf
Spenden und andere Geldmittel angewiesen. Für jede Einsatzstunde (Hausbesuch) einer
Brückenfachkraft werden 20 Euro und 0,33 Euro für jeden Fahrkilometer vergütet.
Die Pflegefachkräfte haben eine Nebentätigkeitserlaubnis des Sanaklinikums und werden nach einem Stundensatz mit Wegpauschale bezahlt. Ein ausreichender Versicherungsschutz wird gewährleistet.

Das Motto für „Unsere Brücke“ lautet daher: „Entlassen – aber nicht allein gelassen“ Zusammenfassung :
Lücken unseres Gesundheitssystems in der poststationären Betreuung abzuhelfen, war der Grundgedanke zur Gründung des Fördervereins „Unsere Brücke“

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Vereinszweck
Auf der Grundlage der Satzung des Fördervereins soll die ganzheitliche Sichtweise des
Patienten in der Gesundheitsversorgung nach dem bio-psycho-sozialen Modell gestärkt
werden. Das bedeutet, dass der kranke Mensch nicht nur in seinen körperlichen, geistigen und seelischen Einschränkungen gesehen wird, sondern auch seine soziale Einbindung in seinem Lebensumfeld und die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft berücksichtigt werden muss.
Wir wollen dazu beitragen,

◆ eine größtmögliche individuelle Selbständigkeit des Patienten durch Verbleib in seinem
Zuhause zu erreichen.
◆ Vertrauen in die stationäre Versorgung durch personelle Kontinuität in der
nachstationären Betreuung und somit Angst vor der Entlassung aus der
Klinikbehandlung abbauen
◆ Angehörige bei der Rückkehr des Patienten aus der Klinik beim Übergang in den
häuslichen Alltag zu unterstützen
◆ durch eine Vernetzung der Klinik mit ambulanten Betreuungsangeboten die
Fortsetzung der in der Klinik begonnen Therapie zu gewährleisten
◆ die Notwendigkeit einer kurzfristigen Wiederaufnahme des Patienten in die Klinik aufgrund mangelnder Stabilisierung zu vermeiden (Drehtüreffekt).

Die Indikation spielt im Grunde keine Rolle, es sei denn, es handelt sich um ein palliativ zu
versorgendes Carcinomleiden. Dafür gibt es „Brückenschwestern“ und die SAPV. Der Name „Brückenschwester“ ist vom onkologischen Zentrum Stuttgart patentgeschützt. Wir sprechen deshalb in der Regel von „Brücke-Fachkräften“

Der Bezug von Pflegegeld steht einer Betreuung durch “Unsere Brücke” nicht entgegen.

 

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